Ernst Ludwig Kirchner und seine Zeit in der Schweiz

Ernst Ludwig Kirchner und seine Zeit in der Schweiz

12.09.22
Kunsthaus ARTES
Kunstwerke Kunstgeschichte Künstler

Über zwei Jahrzehnte hat Ernst Ludwig Kirchner in Davos gelebt. In der Biografie des "Brücke"- Künstlers und Pioniers des Expressionismus markiert der Umzug in die Schweiz im Jahr 1917 einen entscheidenden Wendepunkt: Kirchner tauschte das wilde Großstadtleben von Berlin und Dresden gegen die Einsamkeit des Landwassertals im Kanton Graubünden.

In der Schweiz hoffte er auf eine Verbesserung seines kritischen Gesundheitszustands und fand darüber hinaus völlig neue künstlerische Inspirationen. Zu den absoluten Höhepunkten in seiner Schweizer Zeit gehörte sicherlich eine große Ausstellung im Jahr 1933 in Bern: Die dortige Kunsthalle richtete unter der Leitung von Max Huggler eine Retrospektive mit 105 Ölbildern, 129 Zeichnungen und 12 Holzfiguren aus. Parallel zeigte die Berner Galerie Gutekunst & Klipstein druckgrafische Arbeiten, insgesamt über 50 Holzschnitte, Radierungen und Lithografien. In Vorbereitung der Ausstellung reiste Kirchner mehrfach nach Bern. 

 

Deckfarben und Aquarell über leichter Vorzeichnung in Bleistift, 1933.
"Bern. Münsterplatz (mit Rudolf-von-Erlach-Denkmal"; Deckfarben und Aquarell über leichter Vorzeichnung in Bleistift, 1933. Signiert.

 

Bei jener Gelegenheit schuf er zahlreiche Städteansichten, unter anderem auch wie im oben stehenden Bild den Blick auf den Münsterplatz mit dem Stiftsgebäude, dem Rudolf-von- Erlach-Denkmal (das 1969 an die Grabenpromenade versetzt wurde) und dem Mosesbrunnen. Zum Zeitpunkt der Ausstellung hatte Ernst Ludwig Kirchner schon lange in der Schweiz gelebt: In der Hoffnung auf Milderung seiner schweren psychischen und physischen Probleme war er bereits 1917 nach Davos gezogen. 

Bei Ankunft mietete er sich in eine sehr einfache Hütte auf der Stafelalp ein - ein wahres Kontrastprogramm zu seiner "Brücke"-Zeit in Dresden und Berlin. Die neue Umgebung wirkte sich auch gleich unmittelbar auf Kirchners Motivwahl aus. "Meine Zeiten des Zirkus, der Kokotten und der Gesellschaft sind vorbei", schrieb er. Nun hielten das bäuerliche Leben, die Tierwelt und die einmalige Berglandschaft der Region Einzug in Kirchners Werk. Auch sein Stil sollte sich verändern: Die Bilder wirkten nun weniger nervös und die bunten und kräftigen Farben erhielten immer mehr Raum.

 

Bleistiftzeichnung, um 1919. Bezeichnet und signiert.
Die Stafelalp, die sich oberhalb von Davos befindet, diente Kirchner von 1918 bis 1920 als Vorlage und spiegelte sich in zahlreichen Zeichnungen und Gemälden wider. Hier: "Blick von der Stafelalp ins Tal", Bleistiftzeichnung, um 1919.

 

Seine Integration in die Dorfgemeinschaft verlief hingegen etwas schleppend. Zwar respektierten ihn die Einheimischen, doch sie hielten den Expressionisten aus der großen Metropole auch für ein wenig verrückt. Zudem scheiterte er mit dem Versuch, an einer Schule Malunterricht zu geben. Er zeichnete schnell, stark stilisiert und wählte für seine Motive ungewöhnliche Farben. Blaue Kühe - dafür war die Landbevölkerung noch nicht bereit. Heute ist dies zweifellos anders: Das Kirchner Museum Davos und die Ernst Ludwig Kirchner Stiftung würdigen und bewahren stolz das Werk ihres berühmten ehemaligen Mitbürgers.

Original-Werke von Ernst Ludwig Kirchner bei ARTES