Die "Bucht der Engel": Auf den Spuren von Marc Chagall in Nizza

Die "Bucht der Engel": Auf den Spuren von Marc Chagall in Nizza

Autor: Kunsthaus ARTES, Veröffentlichkeitsdatum: 10/2026

Es gibt Orte, an denen man plötzlich versteht, warum Künstler immer wieder zu ihnen zurückkehren. Die "Bucht der Engel", die "Baie des Anges", vor Nizza ist ein solcher Ort. Das Licht liegt auf dem Mittelmeer, die Küstenlinie zieht sich in sanften Bögen dahin, und über der Promenade scheint der Alltag für einen Moment ein wenig leichter zu werden.

Unsere Kollegin Anke Reich war vor Kurzem in Nizza unterwegs und hat Eindrücke von genau jener Landschaft mitgebracht, die auch Marc Chagall inspirierte. Der Blick über das Meer, die Farben der Stadt und das besondere Licht an der französischen Riviera lassen sich heute noch erleben. Wer Chagalls Werke kennt, entdeckt dabei schnell mehr als eine schöne Küstenlandschaft: Man beginnt, die Welt mit seinen Augen zu sehen.

Marc Chagall: "La Baie des Anges au Bouquet de Roses" (1967)

Marc Chagall und seine poetische Côte d’Azur


Chagall kam bereits 1926 erstmals nach Nizza. Später wurde Südfrankreich zu einem wichtigen Lebensmittelpunkt für ihn. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil ließ er sich in der Region nieder; 1966 bezog er mit seiner Frau Valentina ein Haus in Saint-Paul-de-Vence, oberhalb der Küste. Das mediterrane Licht und die Landschaft boten ihm neue Eindrücke – doch Chagall machte daraus nie bloße Ansichten.

Seine Bilder sind vielmehr kleine Bühnen einer poetischen Wirklichkeit. Liebespaare schweben über Dächern, Blumensträuße scheinen ein Eigenleben zu führen, Fische tauchen an unerwarteten Stellen auf. Meer und Himmel werden zu einem Raum, in dem Realität und Fantasie selbstverständlich ineinander übergehen.

Besonders schön lässt sich das in seiner zwölfteiligen Grafikserie „Nice et la Côte d’Azur“ aus dem Jahr 1967 nachvollziehen. Die Farblithografien gehen auf vorbereitende Gouachen zurück, die Chagall für eine Darstellung Nizzas entwickelte. Der Lithograf Charles Sorlier übertrug die Motive unter Chagalls künstlerischer Leitung in die Druckgrafik; gedruckt wurde im renommierten Pariser Atelier Mourlot.

Die Serie zeigt bekannte Orte und charakteristische Ansichten der Stadt, darunter die Promenade des Anglais und die Architektur entlang der Küste. Doch Chagall belässt es nicht bei der Wiedergabe des Sichtbaren. Er bevölkert seine Bilder mit Blumen, Fischen, Liebenden und fantastischen Figuren. So wird aus einer realen Landschaft eine persönliche, unverwechselbare Bildwelt.

Die "Bucht der Engel" in Nizza.

Ein Ort – und doch eine ganz eigene Welt


Wer heute an der Bucht der Engel steht, kann nachvollziehen, was Künstler an dieser Gegend faszinierte. Das Licht verändert sich im Tagesverlauf, das Blau des Meeres scheint immer neue Nuancen anzunehmen, und die Stadt verbindet mediterrane Leichtigkeit mit urbanem Leben.

Die Eindrücke unserer Kollegin sind deshalb mehr als Reiseerinnerungen. Sie eröffnen einen Zugang zu Chagalls Kunst: Man sieht die Landschaft zunächst selbst – und begegnet ihr anschließend in den Bildern wieder, verwandelt durch Farbe, Erinnerung und Fantasie.

Dabei geht es nicht darum, jedes Detail eines Kunstwerks an einem realen Ort wiederzufinden. Chagall war kein dokumentarischer Landschaftsmaler. Er nahm Eindrücke auf und entwickelte daraus eine Welt, in der persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und poetische Einfälle miteinander verschmelzen. Gerade darin liegt der Reiz seiner Côte-d’Azur-Bilder: Sie zeigen nicht nur, wie Nizza aussieht, sondern auch, wie sich dieser Ort anfühlen kann.

Marc Chagall: "Soleil couchant" (1967)

Künstler auf Reisen: Wenn Landschaft zur Inspiration wird


Chagall steht mit dieser Haltung in einer langen Tradition. Viele Künstler des späten 19. und 20. Jahrhunderts suchten auf Reisen nach neuen Farben, Lichtstimmungen und Bildideen.

Henri Matisse etwa entdeckte in Nizza eine Atmosphäre, die seine Malerei nachhaltig prägte. Das südliche Licht, die Innenräume mit Blick auf das Meer und die intensive Farbigkeit wurden zu wichtigen Bestandteilen seiner Bildsprache.

Pablo Picasso wiederum arbeitete an verschiedenen Orten an der Mittelmeerküste, unter anderem in Antibes und Vallauris. Reisen und Ortswechsel bedeuteten für ihn häufig auch einen Wechsel der künstlerischen Fragestellungen – von neuen Materialien und keramischen Arbeiten bis zu veränderten Bildmotiven.

Was diese Künstler verbindet, ist nicht ein einheitlicher Stil, sondern die Erfahrung, dass ein Ortswechsel den Blick verändern kann. Landschaft wird zum Experimentierfeld, Licht zum Gestaltungsmittel und die Reise zum Ausgangspunkt neuer Ideen.

Ein Stück Côte d’Azur für die eigene Sammlung

Mit der Serie "Nice et la Côte d’Azur" hat Marc Chagall seine persönliche Beziehung zu Nizza in zwölf farbigen Lithografien festgehalten. Die Blätter verbinden die erkennbare Landschaft mit jener traumhaften Bildsprache, die sein Werk so unverwechselbar macht.

Bei ARTES erhältlich:


Bei Kunsthaus ARTES sind aktuell mehrere Blätter aus dieser Serie erhältlich. Sie laden dazu ein, Chagalls poetischen Blick auf die Côte d’Azur in die eigenen Räume zu holen – als Erinnerung an einen besonderen Ort und zugleich als eigenständige Kunstwerke, die auch jenseits ihrer Entstehungslandschaft ihre Wirkung entfalten.

Vielleicht liegt darin die besondere Magie dieser Bilder: Man muss nicht selbst an der Bucht der Engel gestanden haben, um sich von ihnen ans Mittelmeer entführen zu lassen. Und wer schon einmal dort war, entdeckt in ihnen womöglich etwas Vertrautes wieder – das Licht, die Weite und das Gefühl, dass die Wirklichkeit manchmal nur einen kleinen Schritt von der Fantasie entfernt ist.

Marc Chagall: "Sirene au Pin" (1967)
Marc Chagall: "La Baie des Anges au Bouquet de Roses" (1967)
Marc Chagall: "Couple et Poisson" aus "Nice et la Côte d'Azur" (1967)
Marc Chagall: "Soleil couchant" (1967)

Alle Werke von Marc Chagall